Das zweite Leben

Verpflanzungen von Herz, Niere oder Leber sind für Chirurgen inzwischen fast schon Alltag. Probleme bereitet aber noch immer die Transplantation der Lunge – sie ist extrem empfindlich. Dennoch konnten die Spezialisten des Deutschen Herzzentrums bereits 100 Patienten, darunter sieben Kindern, eine neue Lunge einpflanzen. Immer öfter werden, jetzt sogar beide Flügel transplantiert. „Unsere Patienten haben lebensgefährliche Lungenerkrankungen im Endstadium“, sagt der Chef des Herzzentrums, Professor Roland Hetzen. Dazu gehört eine der häufigsten Erbkrankheiten in Deutschland – Mukoviszidose (jedes 2000. Baby wird damit geboren). Dabei kommt es in der Lunge zu starker Sekretbildung, die etwa 300 bis 450 Millionen Bläschen verkleben – der Körper bekommt zuwenig Sauerstoff. E. Blum (57) merkte vor 14 Jahren, dass mit ihrer Lunge etwas nicht stimmt. „Das Treppensteigen fiel mir sehr schwer. Später konnte ich kaum mehr atmen, auch nicht mehr essen. „Diagnose: Emphysem (Bläh-Lunge). Sie magerte auf 36 Kilogramm ab, musste mit Sauerstoff beatmet werden. „Meine Lungenbläschen platzten. Das war kein Leben mehr. „Im August ’94 bekam sie im Herzzentrum zwei neue Lungenflügel eingepflanzt, führt jetzt wieder ein normales Leben. Bei chronischen Lungen-Infektionen sind doppelseitige Transplantationen nötig. Hetzer: „Denn ein gesunder Flügel würde sich ebenfalls anstecken. „Grösstes Problem ist, Spenderorgane zu finden. „Sie werden erst entnommen, wenn ein Mensch hirntot ist. Bis dahin wurde er meist über lange Zeit künstlich beatmet, das begünstigt Infektionen“, sagt der Professor. Auch wenn ein geeignetes Organ gefunden ist, haben die Chirurgen kein leichtes Spiel, besonders schwierig sind die Durchblutungs-Anschlüsse für die neue Lunge. Nach der Operation besteht Infektionsgefahr. Durch die Atmung ist die Lunge ständig mit der Aussenwelt in Kontakt. Weltweit haben bisher 3.000 Menschen eine neue Lunge bekommen. Die Überlebenschance liegt im ersten Jahr bei 70 bis 80 Prozent.

Ausgangslage

Bis Ende 1996 ging es mir relativ gut. Dann begann sich die Lungenfunktion in kleinen Schritten zu verschlechtern. Ich hatte eine Lungenentzündung nach der anderen und benötigte permanent Sauerstoff. Im Frühjahr wurde mir erstmals die Möglichkeit einer Transplantation dargelegt. Im August 1997 musste ich wegen Erstickungsgefahr auf die Intensivstation. Ich erholte mich einigermassen, aber eine Transplantation musste so rasch wie möglich ins Auge gefasst werden. Vor der Transplantation hatte ich noch ein Lungenvolumen (FVC) von 0,52 Liter, jetzt habe ich 4,3 Liter!

Die Operation selbst dauert zwischen 4 – 9 Stunden. Ich möchte noch darauf hinweisen, dass sich alle Formulierungen auf eine beidseitige Lungentransplantation beziehen. Zuerst wird ein Schnitt von links nach rechts unterhalb der Brust gemacht. Dann wird die schlechtere Lunge entfernt. In dieser Zeit wird man über die andere alte Lunge beatmet. Die neue Lunge wird zuerst am Hauptbronchus, dann an der Lungenarterie und zuletzt an der Lungenvene befestigt. Die Blutzirkulation zur neuen Lunge wird hergestellt. Nun wird die zweite Lunge entfernt und wiederum verbunden wie die erste. Sobald diese auch gemacht wurde, wird wiederum die Blutzirkulation hergestellt. Dann wird der Brustkorb verschlossen und der Patient kommt auf die Intensivstation. Ich wurde nach vollständigem Erwachen sofort entubiert.

12 Stunden nach dem OP wird bereits mit Physiotherapie begonnen. Am ersten Tag konnte ich bereits auf den Bettrand sitzen. Durch Umlagerungen, Abklopf- und Vibrationstherapie wird die Schleimabsonderung gefördert, damit sich die neuen Lungen besser entfalten können. In der ersten Woche wird zweimal täglich ein Röntgenbild gemacht. Man bleibt solange auf der Intensivstation, bis man selber stabil atmen kann, normalerweise 2 bis 8 Tage. Ich wurde am dritten Tag nach der Transplantation auf die Bettenstation verlegt. Hier wird die intensive Behandlung wie Physiotherapie etc. fortgeführt, damit man wieder langsam zu Kräften kommt. Die meisten Patienten können nach 3 – 4 Wochen schon 1,5 km spazieren. Der Spitalaufenthalt beträgt ungefähr 4 bis 8 Wochen. Leider kann es während oder nach der Operation zu Komplikationen kommen.

Nachkontrollen

In den ersten paar Monaten nach der Transplantation wird man engmaschig kontrolliert. Später, wenn alles i.O. ist, muss man so alle 3 Monate in die Kontrolle. Es werden mindestens 6 Bronchoskopien und Biopsien (Lungenspiegelung mit Gewebeentnahme) durchgeführt. Zuerst wird die Lunge mit ca. 200ml Flüssigkeit gespült, um ev. Infektionserreger zu suchen. Nachher werden kleine Gewebeproben entnommen um, wie bereits oben erwähnt, eine Abstossung oder nicht nachzuweisen. Die meisten Patienten wollen bei dieser Untersuchung schlafen, ich persönlich bin aber lieber wach. 1 bis 2 Tage nach der Brochoskopie kann es bei Husten immer noch leicht bluten. Innerhalb der ersten 24 Stunden kann auch Fieber auftreten. Ausserdem habe ich manchmal Halsweh. Dies verschwindet aber nach 1 Tag wieder. Die Früherkennung sowie die Behandlung einer ev. Auftretenden Abstossung ist mit das wichtigste bei der Nachbehandlung.

Fazit:

Obwohl das Warten auf eine Spenderlunge sowie die erste Zeit nach der Transplantation sicher nicht leicht ist, würde ich mich auf jeden Fall wieder für die Transplantation entscheiden. Für mich waren die anfangs vielen Kontrollen sowie teilweise auftretenden Nebenwirkungen manchmal auch nervig. Aber lieber das, als einmal einen qualvollen Tod durch ersticken oder Organversagen erleiden zu müssen! Eine durch Mukoviszidose gestörte Lebensqualität kann nur durch eine Transplantation wieder ermöglicht werden. Die Heilung mittels neuer Medikamente oder Gentherapien ist leider auch längerfristig immer noch ein unerfüllbarer Wunschtraum!

[Copyright E. Blum]