Erinnerungen an Sandra Billeter
12. Juni 1966 bis 7. Oktober 2026
Über eine besondere Freundschaft, die durch Worte entstand
Manchmal begegnen uns Menschen auf eine ganz besondere Weise. Nicht von Angesicht zu Angesicht, nicht durch gemeinsame Erlebnisse, sondern zunächst einfach durch Worte. Und manchmal entsteht daraus eine Verbundenheit, die man kaum erklären kann.
So war es mit Sandra.
Kennengelernt habe ich sie durch eine gemeinsame Freundin. Lange Zeit hatten wir ausschliesslich telefonischen Kontakt. Wir hatten uns noch nie persönlich gesehen, und doch war es, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Wir verstanden uns sofort. Da war eine Vertrautheit, die keine persönlichen Begegnungen brauchte. Wir konnten miteinander reden, offen sein und einander verstehen.
Sandra und ich verband etwas ganz Besonderes: Wir sind beide lungentransplantiert. Sie war mir auf diesem Weg zwei Jahre voraus. Und gerade deshalb waren unsere Gespräche für mich so wertvoll.
Als ich in diese neue, unbekannte Welt kam, kannte ich niemanden, der wirklich nachvollziehen konnte, was eine Lungentransplantation bedeutet. All die Fragen, die Unsicherheiten, die Erfahrungen und die Herausforderungen, die das Leben danach mit sich bringt – alles war für mich neu.
Sandra wusste, wovon ich sprach. Sie musste nicht lange nachfragen oder sich vorstellen, wie sich bestimmte Dinge anfühlen. Sie kannte diese Welt aus eigener Erfahrung.
Mit ihren Erfahrungen, mit ihrem Wissen und vor allem dadurch, dass sie für mich da war. Unsere Gespräche gaben mir das Gefühl, mit meinen Fragen und Gedanken nicht allein zu sein. Ich hatte jemanden gefunden, der verstand, wovon ich redete. Jemanden, mit dem ich mich austauschen konnte, ohne alles erst erklären zu müssen.
Dafür bin ich Sandra von Herzen dankbar.
Doch was bedeutet Freundschaft eigentlich?
Ist es die Zeit, die man miteinander verbringt? Sind es gemeinsame Erlebnisse oder die vielen Stunden, die man zusammen an einem Tisch oder am Krankenbett sitzt?
Ich glaube, Freundschaft zeigt sich manchmal gerade dann, wenn all das gar nicht nötig ist. Wenn zwei Menschen sich verstehen, obwohl sie sich noch nie persönlich begegnet sind. Wenn jemand zuhört, Anteil nimmt und einem das Gefühl gibt, nicht allein zu sein.
Sandra war für mich ein solcher Mensch.
Auch ihr eigener Weg nach der Transplantation war nicht einfach. Seit über drei Jahren lebte sie mit ihrer neuen Lunge, doch immer wieder musste sie sich gesundheitlichen Problemen stellen. Wie viel Kraft sie das gekostet hat, können wohl nur Menschen ermessen, die Ähnliches erlebt haben.
Umso mehr berührt es mich, dass Sandra trotz ihrer eigenen Herausforderungen auch für mich da war. Dass sie ihre Erfahrungen mit mir teilte und mir damit etwas gab, das man nicht selbstverständlich findet: Verständnis, Vertrauen und menschliche Nähe.
Nun ist Sandra nicht mehr da.
Es tut weh, einen Menschen zu verlieren, der einem auf eine so besondere Weise nahegekommen ist. Einen Menschen, mit dem man noch so viel hätte besprechen können. Einen Menschen, der einen auf einem schwierigen Lebensweg begleitet und dabei Spuren hinterlassen hat.
Wir haben uns lange Zeit nur am Telefon gekannt. Und trotzdem war unsere Freundschaft echt. Vielleicht gerade deshalb weiss ich heute umso mehr, dass Nähe nicht davon abhängt, wie oft man sich sieht, sondern davon, was man einander bedeutet.
Liebe Sandra, du hast mir geholfen, als ich mich in einer Welt zurechtfinden musste, die mir noch fremd war. Du hast deine Erfahrungen mit mir geteilt und mir das Gefühl gegeben, verstanden zu werden.
Das werde ich nicht vergessen.
Ich hätte dich gerne noch persönlich getroffen, hätte gerne noch viele Gespräche mit dir geführt. Dass uns dafür die Zeit nicht geblieben ist, macht mich traurig.
Aber ich bin dankbar, dass ich dich kennenlernen durfte. Dankbar für deine Offenheit, für deine Unterstützung und für die Freundschaft, die zwischen uns entstanden ist.
Manche Menschen begleiten uns nur ein Stück unseres Weges. Und doch hinterlassen sie etwas, das bleibt.
Sandra, du hast mir etwas mitgegeben, das über unsere Gespräche hinausgeht: das Wissen, wie viel es bedeuten kann, einem Menschen mit den eigenen Erfahrungen zur Seite zu stehen.
Du wirst mir fehlen. Und ich werde dich in guter Erinnerung behalten.
Leb wohl, liebe Sandra.
Christian Güntlisberger
